Die Modenschau der Tiere

22 01 2010

Während im Tierreich, das für seine originellen und maßgeschneiderten Bekleidungsstücke bekannt ist, schon seit langem Pelz-à-Porter, das Federkleid, die Mode bestimmt, ist für den Menschen die einzige Kleidung in seiner Konfektionsgröße die Haut der Kultur. Die Haut der Kultur (Haute Couture) ist der dünne Pelz, den sich der Mensch (Mannequin, oder auch Männeken genannt) beim Zoobesuch überwirft. Stolzer als ein Pfau präsentiert er diese dann auf den Laufstegen der Pariser, Mailänder und Londoner Zoos. Ein Zoo (zoo, zoo lala oder zoo zoo) ist laut Wikipedia eine große, parkartige Anlage zur Haltung und öffentlichen Zurschaustellung verschiedener Tierarten. In Wahrheit jedoch sind es die Tiere, die dem Menschen zuschauen, wie er an Ihnen vorbeidefiliert und parkt und anhält und sich groß tut. Der Mensch benötigt die Zoobesuche, um sich in seiner Haut der Kultur wohlfühlen zu können. Hier tut der Mensch all das, was er nicht lassen kann und was ihn vom Tier unterscheidet: er lacht, er lügt, er erzählt Geschichten, er kleidet sich. Ein Vergleich mit der Art des gemeinen Schimmelpilzes (aspergillus fumigatus) scheint hier passend: auch dieser bildet Kulturen, und auch dieser nährt sich in schadhafter Weise von der Oberfläche, die er befällt. Nur zwei Unterschiede scheinen die Kultur des Schimmelpilzes und die des Menschen voneinander zu trennen:
Erstens schafft sich der Schimmelpilz keine großen, parkartigen Anlagen zur Haltung und öffentlichen Zurschaustellung verschiedener Pilzarten an, hat also keinen Zoo, in dem er z.B. Pfifferlinge zur Schau stellt;
Zweitens trägt er kein Rosa.

Letztendlich ist der Mensch aber trotzdem der größte Modetrend seit den Dinosauriern und beherrscht die Sommerkollektion, die seit der letzten Eiszeit angebrochen ist. Zur nächsten Eiszeit aber könnte er schon wieder aus dem Katalog gestrichen werden. Wenn er nicht lernt, nackt in den Zoo zu gehen.





E-mail an den Papst

6 12 2009

An Seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI,

Es ist ein seltsames Gefühl, eine Nachricht an jemanden zu schreiben, wenn man stark vermutet, dass dieser sie selber nicht lesen wird. Es wäre schon eine belustigende Vorstellung, wenn Seine Heiligkeit sich, in Soutane und Camauro und mit dem päpstlichem Hirtenstab bekleidet, jeden Morgen erst einmal vor seinen Computer in einen viel zu kleinen, weil nicht für ornamentale Papstbehänge angefertigten, nicht heiligen Stuhl setzt und Seine E-mails checkt. Ich nehme an, dass seine Heiligkeit das nicht tun wird. Stattdessen habt Ihr wahrscheinlich, um nicht potenziell unverdauliche Schreiben zu Euch nehmen zu müssen, einen oder mehrere Vor-Leser, vielleicht übernimmt der Kardinalstaatssekretär selbst sogar diese Aufgabe. Dem der Stuhl dann vielleicht sogar passen würde. In jedem Fall wünsche ich Seiner Heiligkeit einen frohen Advent und hoffe damit, dass diese e-mail bei Euch “einzieht”.
Was mich aber beschäftigt, ist weniger die Frage, ob diese Nachricht von Seiner Heiligkeit gelesen wird (das ist eine Glaubensfrage) als die, was Ihr eigentlich davon haltet, wenn Euch jemand scheinbar ohne Anlass eine e-mail schreibt. Immerhin habe ich es mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche, dem Staatsoberhaupt der Vatikanstadt, einem absoluten Monarchen (der Superlativ jeder Respektsperson) und einem Völkerrechstsubjekt zu tun. Und mit allem gebührenden Respekt möchte ich sagen: Es wäre mir eine Ehre, wenn meine Nachricht von sovielen wichtigen Persönlichkeiten gleichzeitig gelesen würde. Sicherlich seid Ihr sehr beschäftigt damit, die christliche Gemeinde auf das Weihnachtsfest vorzubereiten und die Frohe Kunde zu verbreiten, aber vielleicht kann meine E-mail auch für Seine Heiligkeit eine gute Nachricht enthalten: es gibt nämlich eine Internetplattform namens Facebook, in der man, sobald man sich angemeldet hat, mit Freunden in Kontakt kommen kann. Was aber mich persönlich am meisten an dieser Plattform reizt, ist die Tatsache, dass man unter den meisten Meldungen einen kleinen Button betätigen kann, der da heißt: “Gefällt mir”. Betätigt man diesen Button, erscheint ein Subtext mit einer kleinen Hand mit ausgestrecktem Daumen davor, der dann an alle Menschen dieser Welt, solange sie bei Facebook angemeldet sind, diese Sympathie verkündet. Solch eine Prägnanz und Klarheit in der Aussprache persönlicher Zuneigung vermisse ich in der Welt, die gerade nicht bei Facebook online ist, oft. Vielleicht ist es Seiner Heiligkeit ja möglich, als Amts- und Würdenträger so vieler Sympathien auf dem ganzen Globus, dieses Beispiel für die Einfachkeit der Nächstenliebe voranzutreiben. Ich bitte zumindest darum.
Höflichst,

Philipp Scholz





Ich verlautbare: offizielle Entschuldigung

14 11 2009

Zuerst einmal: ich habe gesiegt! Und zwar über meine Leber. Ich führe schon seit längerem einen Feldzug gegen sie, aber mit dem gestrigen Abend ist eine große Schlacht siegreich ausgegangen. Ich habe jede einzelne Leberzelle im Keim erstickt. Leider gibt es bei jedem Krieg auch Zivilopfer, daher möchte ich meine Kondolenz aussprechen für diejenigen, die gestern dem Breakinator begegnet sind. Ich fürchte, dass die Tanzeinheiten und sonstige motorische Äußerungen ihn für ewig vom Beruf des Steuermanns entbunden haben, so, wie er rumgesteuert ist. Selbst mit einem Geisterschiff auf dem Styx würde die Person, die mich gestern alkoholbedingt ersetzt hat, noch den Nordpol aufsuchen, um sich crushed ice für seinen Caipirinha zu holen. Allerdings würde, bevor wir dort angekommen wären, der Nordpol schon eisfrei sein und sich das magnetische Feld der Erde gedreht haben. Also würde dieser Verrückte am Rad drehen, bis wir Kurs Richtung Südpol setzten. Mit kurzem Zwischenstopp in Kuba, um das zu befreien, Mexiko, um dort Desperados aufzunehmen und in Brasilien, um die Flußkrabben zu fangen, nach denen man den Pitú genannt hat. Vielleicht könnte er dann sogar einen Drink mixen, der in der Lage wäre, einen kollektiven Filmriss zu erzeugen. Das wäre mir jedenfalls am liebsten, denn ich muss sagen: ich schäme mich für ihn. Und weil Fremdschämen eine anerkannte Mitleidsform ist, möchte ich hiermit offiziell alle Fremden um Entschuldigung für den Breakinator bitten.

Entschuldigung angenommen?





Eine abgefahrene Geschichte- alternatives Ende

20 09 2009

“Sie können nicht mit diesem anderen Zug fahren. Dieser andere Zug ist voll.”
P. war während seine Unterredung mit der Schaffnerin in einen Trott gefallen, der ihn in die Eingangshalle des Bahnhofs gebracht hatte. Er sah, wie sich die Reihe der Züge lichtete, wie einer nach dem anderen den Bahnhof verließ. Nur auf zwei oder drei Gleisen drängten sich verzweifelt wirkende Leute, da man für diese Züge keine Autorisierung benötigte, und sie außerdem als letztes abfuhren.
Auf einem völlig überfülltem Zug drängten sich die Menschen auf die Dächer des Waggons, um noch mit einem Zug abreisen zu können.
P. sah auf den Gleis, auf dem er gerade eben noch in diesen Zug steigen wollte. Er war leer. Dieser Zug war abgefahren.
P. sah und trauerte diesem Zug nicht mehr hinterher. Er wandte sich um, suchte die Schaffnerin, die in ihrem Schaffnerhäuschen saß. Er ging zu ihr und fragte sie:
“Wo kann ich Schaffner werden?”





Eine abgefahrene Geschichte

19 09 2009

P. war erstaunt. Eben noch war er im Begriff gewesen, in seinen, den für ihn bestimmten Zug zu steigen. Er war sogar schon auf der Zustiegstreppe, hielt sich mit der einen Hand an der Haltestange fest, mit der anderen umklammerte er seinen Koffer, um in den Zug zu steigen, der, er wusste nicht wohin, fuhr. Aber er wusste genau: es war sein Zug. Jetzt jedoch hatte ihn die Schaffnerin am Zustieg rüde an seinem Mantelkragen gepackt und wieder vom Zug entfernt, der schon keuchend und schnaufend, ab und zu kurze Pfiffe ausstoßend, auf den Beginn der Reise wartete.

“Die Gültigkeit ihres Fahrausweises kann nicht gewährleistet werden” stieß die Schaffnerin ebenso keuchend und schnaufend hervor. Anscheinend litt sie an einem leichten Schnupfen; ihr linkes Nasenloch war verstopft, und durch das rechte stieß sie immer wieder kurze Pfiffe aus. P. erstarrte vor Schrecken. Der Beginn seiner Reise, sein Abenteuer, das nun hätte endlich beginnen sollen, war in Bedrängnis geraten. Er war sogar der Überzeugung gewesen, er hätte den Zugführer überreden können, die Schienen zu verlassen und auf anderen, neuen Wegen zu fahren.

“Verzeihung” P. musste sich um eine feste Stimme bemühen “ich habe hier zwei gültige Fahrkarten, sehen sie, diese hier ist für diesen Zug bestimmt und die andere für einen anderen, allerdings habe ich diese andere nur aus einem Jux heraus gekauft, sehen sie, es gab da dieses Angebot ihrer Werbeabteilung…”
“Sie haben keine Autorisation für diese Fahrkarte.”
P. wurde immer unwohler in dieser Situation. Sein onehin stets besorgtes Gemüt, das sich bis eben mit einer kleinen Fackel Zuversicht einen Platz im Abteil der Nichtraucher suchen wollte, sah sich jetzt einem rollenden Felsen der Verzweiflung gegenüber.
“Einen Moment bitte, ich habe ihnen meine Autorisationsdaten bereits zukommen lassen, ich bin für diese Fahrt qualifiziert…”
“Ihre Autorisationsdaten liegen uns vor. Wir haben sie überprüft und sie fähig des Mitfahrens mit diesem anderen Zug befunden.”
“Nun, wissen sie, ich habe nur nicht vor mit einem anderen Zug zu fahren, meine Reise ist nur mit diesem Zug möglich, dieser andere fährt in eine vollkommmen verschiedene Richtung.”

P. erinnerte sich an das Bild des Fahrplans: Der erste, andere Zug fuhr auf einer einzigen Schiene immer geradeaus, ohne eine Haltemöglichkeit, und erreichte dann ein Ziel, das P. für ungeeignet hielt. Dieser zweite Zug fuhr mäandernd durch ganz Europa, seine Strecke übersät mit allen möglichen, teilwiese unvorhergesehen, Haltestellen, d.h. es war möglich, das sich der Zug womöglich gar nicht nach irgendeinem Fahrplan verhielt. Dieser Gedanke, statt ihn abzuschrecken, sagte P. aber nur umso mehr zu. Er musste unbedingt mit diesem Zug fahren.
“Sie können nicht mit diesem Zug fahren. Sie müssen den anderen Zug nehmen.”
“Was sagen sie da? Meine Papiere gelten doch auch für diesen Zug!”
“Ihre Formulare für diesen Zug auszufüllen war nicht möglich. Ihre Autorisationsdaten lagen uns nur einmalig vor. Sie hätten sie in mindestens zweimaliger Fassung bei der zuständigen Stelle einreichen müssen. Nun können sie nicht mehr mit diesem Zug fahren.”

P. wurde bleich. Fast wäre er vor Bestürzung durchsichtig geworden, wenn er nur aus mehr Ektoplasma bestehen würde. Tatsächlich hatte er heute morgen eine Geistergurke gegessen, aber obwohl Geistergurken zu 98% aus Ektoplasma bestehen, war dies nicht die Menge der empfohlenen Tageszufuhr gewesen, um einen Menschen durchsichtig zu machen. Es war nur eine kleine Gurke gewesen.

“Sie können ihre Autorisationsdaten neu einreichen, dann wird eine Doppelverfahren für sie in die Wege geleitet. Sie können nächstes Jahr wieder mit diesem Zug fahren.”
P. hatte inzwischen immer mehr seines Selbstvertrauens verloren. Während sein Geist nach Worten suchte, Widerworten, die in der labyrinthischen Argumentation der Schaffnerin verhungert und verdurstet wären, entglitt ihm seine Fahrkarte und flog davon. Bevor P. sich dessen bewusst wurde, war sein Ticket bereits auf einem anderen Gleis gelandet. Er wollte ihm hinterher laufen, aber die Schaffnerin hielt ihn davon ab.
“Lassen sie ihr Ticket. Sie können es onehin nicht redhibieren. Ihnen fehlt die Formularnichtausfüllversicherung.”
Mehr als vor den Kopf geschlagen, konnte P. nur fragen:
“Wo gelange ich zu diesem anderen Zug?”
“Sie können nicht mit diesem andern Zug fahren. Dieser andere Zug ist voll.”
P. war während seiner Unterredung mit der Schaffnerin in einen Trott gefallen, der ihn in die Eingangshalle des Bahnhofs gebracht hatte. P. sah auf den Gleis, auf dem er eben noch in diesen Zug steigen wollte. Er war leer.
Der Zug war abgefahren.





Ein Tagebuch oder Ich als Karawane

7 07 2009

Um 5:55 Uhr befinde ich mich in der Küche. Die Küche einer Wohngemeinschaft ist, in Ermangelung eines Wohnzimmers, das Reich der Mitte in einer Welt mit nur 3 Staaten, aber mindestens 300 Nationalitäten. Selbst wenn der Rest der Wohnung für jeden etwas Anderes sein kann -eine Schlafstätte, eine Umkleidekabine, ein Flüchtlingslager- die Küche ist immer die Oase, an der sich die Karawanen nach tagelangem Wüstenmarsch versammeln. Und über Datteln diskutieren. Oder auch über Küchengeräte.
Jetzt aber bin ich ein einsamer Mufti, der den Sonnenaufgang über dem Kohlrabizirkus beobachtet, den zwei größten Brüsten Leipzigs.
Mir argwöhnt, dass der Architekt, dieser verschmitzte Schlingel, seine Position ausgenutzt hat, um ein Symbol für die 2 größten männlichen Sehnsüchte zu schaffen: Kohlrabi zu essen und in den Zirkus zu gehen. Das das Ergebnis einem Paar weiblicher Fruchtbarkeitssymbole gleicht, ist wohl Zufall.
In diesem Moment springen die Toasts aus dem Toaster und die Küchentür auf; mein Mitbewohner kommt herein und sagt unnötigerweise:
“Philipp: die Toasts sind fertig.”
Ich erwäge einen Moment, die Schakale auf ihn zu hetzen, aber dann muss ich doch lachen. Das Kommentieren von offensichtlichen Geschehnissen, um dem jeweils Anderen zu signalisieren, dass man auch anwesend ist, ist so etwas wie ein Begrüßungszeremonium zwischen uns. Statt “Hallo K.” zu sagen warte ich etwa, bis ihm etwas herunterfällt und meine dann:”K.: Dir ist da etwas heruntergefallen.” Auch wenn wir uns schon drei Stunden in derselben Wohnung aufhalten.
K. setzt sich zu mir an den Tisch und fragt mich, ob ich frühstücke. Ich antworte nichts, gehe zum Toaster, hole Marmelade, Käse und Erdnussbutter aus dem Kühlschrank und setze mich wieder an den Tisch und fange an, meine Brote zu beschmieren. Die ganze Zeit verfolgt mich sein Blick. Dann beiße ich in das Toast und sage: “Ja.”





Ein Tagebuch oder Ich als Zombie

28 06 2009

Um 5 Uhr morgens wache und stehe ich auf. Erwachen und Aufstehen sind für mich eine gemeinsame Handlung. Wer weiß, ob mein Geist, wenn er nach Nachtträumen in sein Gefäß zurückfließt und nicht sofort wieder von ihm Besitz ergreift, seine schamanische Handlung noch vollziehen kann und den Zombie zu erwecken vermag. Aus diesem Grund verlasse ich meine Ruhestätte immer unmittelbar nach meiner Wiedererweckung.
Obwohl es noch dunkel ist in meinem Zimmer, die Vorhänge sind zugezogen, weiß ich, dass draußen, in einer anderen Welt, die Sonne scheint-es ist Sommer. Ich fühle mich ein bisschen wie in Platons Höhle, wie in der Matrix.
Nackt wandle ich über den Friedhof den ich und meine Mitbewohner Zuhause nennen. Müßig zu erwähnen, dass hier Grabesstille herrscht. Wie der letzte Überlebende einer Seuche, die den Kranken zuerst die Schuhe auszieht und sie dann im weiteren Krankheitsverlauf immer mehr ihrer Kleidung verlieren lässt, schleiche ich über den Flur, in der trotzigen Hoffnung, meine Mitbewohner schlafen noch- mein Anblick würde sie doch schockieren. Aber ich brauche diesen frühmorgendlichen Nudismus einfach. Vielleicht fordert irgendeine revolutionäre Synapse in meinem Gehirn, das ich, wenn ich schon wissenschaftlich erwiesenermaßen keinen freien Willen als Mensch habe, doch zumindest eine freie Körperkultur haben darf.
Ich schlüpfe ins Bad und verschließe konterrevolutionär die Tür hinter mir. Wenn unsere Wohnung ein Friedhof ist, dann ist das Bad ein Leichenschauhaus. Ich lege mich in die Badewanne wie in ein Totenaufbewahrungsbecken und fange an, mich zu desinfizieren bzw. abzuduschen. Da die Wände zum angrenzenden Zimmer meines Mitbewohners seiner Meinung nach aus Zellophan oder auch nur Papier bestehen, brause ich mich im Liegen ab, um die Geräuschkulisse zu mildern. Während mein Körper also eine materielle Reinigung erfährt, reist mein Geist wieder in traumähnliche Sphären ab…





Rente für alle!

14 06 2009

Das regt mich auf! Ich könnte vor Wut meine Barthaare einzeln ausreißen! Ich werde von der nächsten kleineren Brücke springen! Ich werde meinen Gesichtsausdruck fotografisch festhalten und in einer Pop-Art-Ausstellung á la Andy Warhol ausstellen, nur in roten Farben! Warum habe ich Storch denn nicht die Rentnerpartei gewählt?!

Es heißt, dass das Mitleid, das man mit einer Person empfindet umso höher ist, je ähnlicher man ihm oder ihr sieht. So ungefähr ist es auch bei einer Kommunalwahl. Die Wahl wird nicht aufgrund der politischen Programme, sondern nur durch persönliche Sympathien bestimmt. Ich zum Beispiel wollte zuerst Barack Obama wählen, als ich ins Wahllokal kam. Aber die Wahlhelfer meinten nur: “No, you can’t!”. Und so wird ein Student in den meisten Fällen einen Studenten oder einen anderen wissenschaftlich Graduierten, ein Arbeitsloser einen Arbeitslosen, ein Politiker sich selbst seine Kreuze geben. Jeder Mensch wählt also nur innerhalb seiner “Kaste” denjenigen Kandidaten, dessen sozialer Status in etwa dem Seinigen entspricht. Die Berufe, die hinter den Kandidaten auf der Wahlliste zu lesen sind, sind so etwas wie ein Kurzprogramm. Denn kaum jemand hat die Zeit, sich mit den wirklichen Programmen einzelner Politiker zu beschäftigen. AUßER! Den Rentern! Und das ist das hüpfende Komma bzw. der springende Punkt! Rentner lesen jeden Tag Zeitung, gehen zu Podiumsdiskussionen und machen sich zum Wahltag drei Kreuze in den Kalender. Rentner sind sozusagen die geistige Elite der Wähler. Und obwohl ich es nicht mag, mich einer Gruppierung anzuschließen, die den Beigeschmack von Elite hat, werde ich ab jetzt nur noch für Rentnerparteien stimmen!





fiktives Interview mit Brulo Baharramulij

8 06 2009

Philipp:”Herr Baharramulij, warum?”
Baharramulij:”Darum!”
P:”Herr Baharramulij, lassen sie mich bitte meine Frage zu Ende formulieren!”
B:”Na gut.”
P:”Herr Baharramulij, warum ist es bei den meisten interkontinentalen Flügen nicht erlaubt, fliegende Fische mit an Bord zu nehmen? Wäre das nicht die artgerechteste Haltung, die man diesen Tieren bieten kann?”
B:”Was glauben sie denn, warum Tintenfische in ihrer eigenen Tinte gebraten als Delikatesse gelten?!
Die Menschen sind Sadisten der übelsten Sorte! Ich würde, wäre ich eine Spezies, die nicht zur Gruppe der Trockennasenaffen gehört, sofort jegliche diplomatische Beziehungen zu diesen Pfeifen abbrechen!”
P:”Sehr interessant. Sagen Sie, wie fängt man eigentlich fliegende Fische? Mit einem Schmetterlingsnetz oder mit einer freischwebenden Reuse?”
B:”Mit Mehl.”
P:”Mehl???”
B:”Viel Mehl. Oder Astronautennahrung. Wissen Sie, man muss diese spürnäsigen Tiere ködern. Sie müssen das Mehl in einem Sack aufbewahren und dann, immer eine Hand voll von links nach rechts ins Wassser werfend, rufen:”putt putt putt ihr, fliegenden Fischlis, kommt her! Kommt her und holt euch euer Mehli!”. Glauben Sie mir, die Fische fliegen darauf. Mit Astronautennahrung wird es da allerdings etwas schwieriger: die müssen sie in einem Astronautenhelm aufbewahren. In den sollen die Tiere dann hineinspringen. Dafür haben sie die Katze gleich im Sack bzw. den Fisch im Glas.”
P:”Herr Baharramulij, haben sie Haustiere?”
B:”In meiner Freizeit widme ich mich ganz der Aufzucht und Pflege von Wappentieren.”
P:”Ihr Sinn für Wortwitze ist ja sehr spritzig. Aber sagen sie mir doch, als anerkannter Experte für marginale Bruchstellenverschlüsse und zweimaliger Ex-Boxershortfalschherumträgermeister:
Warum ist Frauenboxen so langweilig?”
B:”Weil sie keine Rechte haben.”
P:”Herr Baharramulij, ich danke Ihnen für dieses informative und zum Nachdenken ausladende Gespräch.”
B:”Ich bitte Sie.”





Fluss und Ich

2 06 2009

Wenn ich in einen Fluss springe und Heraklit Recht hat, dann werden sich sowohl Fluss und Ich verändert haben, wenn ich ihm entsteige. Ich bin nicht mehr derselbe wie der, der in den Fluss gesprungen ist (ich habe mich nass gemacht) und auch der Fluss wird nicht mehr derselbe sein. Wir sind immer in Veränderung begriffen, der Fluss, ich und der Rest der Welt. Heraklit bezeichnete das als: “Panta rhei”, alles fließt, oder in einer anderen Formulierung: “Das Sein ist das Werden des Ganzen”.
Aber von Zeit zu Zeit erlebe ich nihilistische Phasen; Phasen, in denen es ist, als ob ich oder der Fluss in Stasis geraten wären. Ich weiß nicht, ob ich mich in diesen Momenten auf Spinozas Standpunkt der Unendlichkeit bewege. Ich weiß nur, dass ich mich fühle wie sich der pubertierende Einstein gefühlt haben muss: mir ist alles relativ.
Manchmal verstehe ich diese Phasen zu nutzen. Vor Kurzem lotete ich in dem Fluss, der nicht mehr floss, mein bisheriges Leben aus. Besonders tief war es nicht, bevor ich gründig wurde.
Ich stellte fest, dass ich, seitdem ich mich erinnern kann, jede erzählte, vorgelesene, selbstgelesene oder auf sonst einem Weg mitgenommene Geschichte in mir aufsaugte, bis die Welt selbst eine Geschichte wurde. Der Fluss dieser Lebensgeschichte wurde also aus vielen verschiedenen Strömungen gespeist.
Das Problem ist nur: die Art, wie ich lese und zuhöre, bestimmt folgerichtig die Art, wie ich die Welt sehe. Und ich lese und höre oberflächlich zu, ohne Achtung für die Aussage, die Geschichte lediglich aufgrund ihres Unterhaltungswertes verfolgend, als Beobachter immer aus der dritten Perspektive. Manchmal denke ich sogar über mich in der dritten Person.

So sehe ich also die Welt.