P. war erstaunt. Eben noch war er im Begriff gewesen, in seinen, den für ihn bestimmten Zug zu steigen. Er war sogar schon auf der Zustiegstreppe, hielt sich mit der einen Hand an der Haltestange fest, mit der anderen umklammerte er seinen Koffer, um in den Zug zu steigen, der, er wusste nicht wohin, fuhr. Aber er wusste genau: es war sein Zug. Jetzt jedoch hatte ihn die Schaffnerin am Zustieg rüde an seinem Mantelkragen gepackt und wieder vom Zug entfernt, der schon keuchend und schnaufend, ab und zu kurze Pfiffe ausstoßend, auf den Beginn der Reise wartete.
“Die Gültigkeit ihres Fahrausweises kann nicht gewährleistet werden” stieß die Schaffnerin ebenso keuchend und schnaufend hervor. Anscheinend litt sie an einem leichten Schnupfen; ihr linkes Nasenloch war verstopft, und durch das rechte stieß sie immer wieder kurze Pfiffe aus. P. erstarrte vor Schrecken. Der Beginn seiner Reise, sein Abenteuer, das nun hätte endlich beginnen sollen, war in Bedrängnis geraten. Er war sogar der Überzeugung gewesen, er hätte den Zugführer überreden können, die Schienen zu verlassen und auf anderen, neuen Wegen zu fahren.
“Verzeihung” P. musste sich um eine feste Stimme bemühen “ich habe hier zwei gültige Fahrkarten, sehen sie, diese hier ist für diesen Zug bestimmt und die andere für einen anderen, allerdings habe ich diese andere nur aus einem Jux heraus gekauft, sehen sie, es gab da dieses Angebot ihrer Werbeabteilung…”
“Sie haben keine Autorisation für diese Fahrkarte.”
P. wurde immer unwohler in dieser Situation. Sein onehin stets besorgtes Gemüt, das sich bis eben mit einer kleinen Fackel Zuversicht einen Platz im Abteil der Nichtraucher suchen wollte, sah sich jetzt einem rollenden Felsen der Verzweiflung gegenüber.
“Einen Moment bitte, ich habe ihnen meine Autorisationsdaten bereits zukommen lassen, ich bin für diese Fahrt qualifiziert…”
“Ihre Autorisationsdaten liegen uns vor. Wir haben sie überprüft und sie fähig des Mitfahrens mit diesem anderen Zug befunden.”
“Nun, wissen sie, ich habe nur nicht vor mit einem anderen Zug zu fahren, meine Reise ist nur mit diesem Zug möglich, dieser andere fährt in eine vollkommmen verschiedene Richtung.”
P. erinnerte sich an das Bild des Fahrplans: Der erste, andere Zug fuhr auf einer einzigen Schiene immer geradeaus, ohne eine Haltemöglichkeit, und erreichte dann ein Ziel, das P. für ungeeignet hielt. Dieser zweite Zug fuhr mäandernd durch ganz Europa, seine Strecke übersät mit allen möglichen, teilwiese unvorhergesehen, Haltestellen, d.h. es war möglich, das sich der Zug womöglich gar nicht nach irgendeinem Fahrplan verhielt. Dieser Gedanke, statt ihn abzuschrecken, sagte P. aber nur umso mehr zu. Er musste unbedingt mit diesem Zug fahren.
“Sie können nicht mit diesem Zug fahren. Sie müssen den anderen Zug nehmen.”
“Was sagen sie da? Meine Papiere gelten doch auch für diesen Zug!”
“Ihre Formulare für diesen Zug auszufüllen war nicht möglich. Ihre Autorisationsdaten lagen uns nur einmalig vor. Sie hätten sie in mindestens zweimaliger Fassung bei der zuständigen Stelle einreichen müssen. Nun können sie nicht mehr mit diesem Zug fahren.”
P. wurde bleich. Fast wäre er vor Bestürzung durchsichtig geworden, wenn er nur aus mehr Ektoplasma bestehen würde. Tatsächlich hatte er heute morgen eine Geistergurke gegessen, aber obwohl Geistergurken zu 98% aus Ektoplasma bestehen, war dies nicht die Menge der empfohlenen Tageszufuhr gewesen, um einen Menschen durchsichtig zu machen. Es war nur eine kleine Gurke gewesen.
“Sie können ihre Autorisationsdaten neu einreichen, dann wird eine Doppelverfahren für sie in die Wege geleitet. Sie können nächstes Jahr wieder mit diesem Zug fahren.”
P. hatte inzwischen immer mehr seines Selbstvertrauens verloren. Während sein Geist nach Worten suchte, Widerworten, die in der labyrinthischen Argumentation der Schaffnerin verhungert und verdurstet wären, entglitt ihm seine Fahrkarte und flog davon. Bevor P. sich dessen bewusst wurde, war sein Ticket bereits auf einem anderen Gleis gelandet. Er wollte ihm hinterher laufen, aber die Schaffnerin hielt ihn davon ab.
“Lassen sie ihr Ticket. Sie können es onehin nicht redhibieren. Ihnen fehlt die Formularnichtausfüllversicherung.”
Mehr als vor den Kopf geschlagen, konnte P. nur fragen:
“Wo gelange ich zu diesem anderen Zug?”
“Sie können nicht mit diesem andern Zug fahren. Dieser andere Zug ist voll.”
P. war während seiner Unterredung mit der Schaffnerin in einen Trott gefallen, der ihn in die Eingangshalle des Bahnhofs gebracht hatte. P. sah auf den Gleis, auf dem er eben noch in diesen Zug steigen wollte. Er war leer.
Der Zug war abgefahren.