Morgenstimmung in Barcelona oder Der Traum vom Aufwachen

15 09 2010

Plötzlich bin ich wach. Als ob ich unerwartet aufgetaucht wäre, irgendeine Art Oberfläche durchdrungen hätte, erwache ich in meinem Bett. Aber die Umgebung ist nicht die, in der ich es gewohnt bin aufzuwachen. Es ist, als ob ich unerwartet eine Kirche betreten hätte. Ich traue mich nicht zu atmen; die drückende Stille würde mir wahrscheinlich die Brust zerquetschen. Das Zwielicht und die Abwesenheit einer Uhr machen die Zeit höchst relativ. Ich sehe mich um, und mein Blick fällt auf das Muster auf dem Parkett, das das einfallende Licht dort zeichnet. In den warmen Lichtfluren zwischen Fenster und Boden schweben Staubpartikel, deren Fließgeschwindigkeit das einzige Anzeichen für ein Verstreichen der Zeit ist. Ansonsten, oder gerade aus diesem Grund, erscheint der gesamte Raum wie das schwerelose Innere einer Schneekugel. Es ist wie in einem Bild von René Magritte aufzuwachen, echt und doch gleichzeitig unwirklich, wie in dem Bild mit der Pfeife, unter der steht: “Dies ist keine Pfeife”. Dies ist kein Aufwachen. Versuchsweise schlage ich die Bettdecke zurück- das Geräusch reißt die Stille auseinander wie ein Stück Papier. Es klingt wie das Donnern, wenn in großer Entfernung ein Stück eines Eisbergs abbricht und in die See fällt. Das Geräusch wird sofort wieder von der Stille verschluckt, wie unter einer meterhohen Schneedecke. Ich setze mich auf den Bettrand und Staub wirbelt wie Schlick vom Meeresboden auf. Es kommt mir seltsam vor, dass aus den Ritzen des Parketts keine Algen wachsen. Durch die Stille und das Zwielicht laufe ich auf das Fenster zu, wo aus den Spalten der hölzernen Doppelfenster Licht leckt. Als ich die Fenster öffne, kommt mir eine Flut von Geräuschen entgegen. Die schwerelose Stille, die mich gerade noch orientierungslos fragen ließ “Wo bin Ich?”, ist sofort verschwunden, als ob ich durch einen Vorhang eine Bühne betreten hätte. Der angenehm leise Lärm der Stadt versetzt mich aus meiner Schlaftrunkenheit in einen sofortigen wachnüchternen Zustand, wie auditiver Kaffee. “Barcelona” denke ich. Ich sehe von meinem Fenster auf die Stadt meiner Träume, el ciudad de mis sueños. Vor meinen Augen, auf einem kleinen Platz zwischen den mittelalterlichen Gassen der Innenstadt, steht wasserlassend- Wasser aus dem Mund fließen lassend- der buntgemandalate Salamander aus dem Parc Güell. Der Salamander speist einen kleinen Park aus einigen Büschen, einem Teppich aus Moos und drei haushohen Palmen, die knarrend hin- und herschaukeln wie alte Segelschiffe im Wind.

Dann wache ich wirklich auf. Ich sehe mich um und merke, dass ich in meinem Zimmer in Leipzig bin. Ich gehe zum Fenster, ziehe den Vorhang beiseite und sehe nach draußen, auf die Straße. Es regnet.


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Eine Antwort

16 09 2010
Gigi

sehr schöne shortstory über einen Traum von Barclona.
-hat mir sprachlich und inhaltlich sehr gut gefallen!!

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